Das Alte vergeht – Neues entsteht

Das Alte vergeht – Neues entsteht

Aus: Paulus Blätter (April 2026)
Autor: Detlev Riemer 

Kurz vor der Trauerfeier für den erfolgreichen Firmengründer übt sein langjähriger Mitarbeiter für seine Ansprache und ist sich ganz sicher, dass er (wer denn sonst?) die Nachfolge des Verstorbenen antreten wird.

Aber Halt! Der Text auf der Kranzschleife spricht nur von trauernden Mitarbeitern. Wo bleiben die Mitarbeiterinnen der Firma? Daraus erwächst eine hitzige Debatte mit einem kritischen Blick auch auf die Persönlichkeit des Seniorchefs. Seine Sekretärinnen erinnern sich an diese und jene Vorkommnisse … Waren sie alle so harmlos? Das Publikum genoss die Situationskomik auf der Bühne. Ich aber sah im Hintergrund den Schatten von Jeffrey Epstein aufsteigen und begriff, dass es um mehr ging als um Wortklauberei und Bessersprecherei.

„Sprache, die für dich dichtet und denkt“ – Schiller wusste, wie sehr uns die Sprache in unserem Denken und Handeln formt. Eine neue Sprache aber erwächst nicht aus veränderten Duden-Regeln, sondern aus einer gerechteren Einstellung. Das Geschäftsmodell „(K)Alter weißer Mann“, das ja zugleich ein Menschenbild ist, muss sich ändern!

Die „Schattenlichter“ boten eine Teamleistung höchsten Formats. Weiter so!


Die Arbeitsversion dieses Artikels, die aufgrund von Platzmangel stark gekürzt werden musste, sah so aus:

Nur Arbeit war Dein Leben.
Treu und fleißig Deine Hand.
Ruhe hat Dir Gott gegeben.
Rasten hast Du nicht gekannt.

Gernot Steinfels hatte seine Firma vor 75 Jahren gegründet und sie zu Weltruf geführt. Nun ist er tot. Anlässlich der Trauerfeier erwartet man die Würdigung der Führungskraft des Verstorbenen, dessen Leben nur aus Arbeit bestand. Sein langjähriger Mitarbeiter und Vertrauter Horst Bohne (Mario Fuchs) übt schon für die Trauerrede, die er (im Namen der Firma) halten wird, und ist sich ganz sicher, dass er (wer denn sonst?) die Nachfolge des Firmenleiters antreten wird.

Aber Halt! Ist der Text auf der Kranzschleife nicht zu einseitig formuliert: „In tiefer Trauer. Deine Mitarbeiter“. Es gibt doch auch Mitarbeiterinnen in der Firma! Daraus entsteht Schritt für Schritt eine hitzige Genderdebatte, die, wie sich schnell zeigt, nicht durch gut gemeinte (beschwichtigende) Belehrung (Elke Brumm) gelöst werden kann. Durch den kritischen Blick auf die einseitige (männliche!) Verwendung der Sprache erscheint auch die Persönlichkeit des Seniorchefs mehr und mehr in einem kritischen Licht. Sein Nimbus wird nach und nach demontiert, indem seine Sekretärinnen sich an diese und jene Vorkommnisse erinnern … Waren sie alle so harmlos? Wir Zuschauer*innen genossen die Situationskomik auf der Bühne. Ich aber sah im Hintergrund den Schatten von Jeffrey Epstein aufsteigen und begriff, dass es um mehr ging als um Wortklauberei und Bessersprecherei.

Früher duldete ein Chef als „Platzhirsch“ keinen Widerspruch. Aber die Zeiten haben sich geändert, und mit der Zeit auch die Sprache. „Sprache, die für dich dichtet und denkt“ – Schiller wusste, wie sehr uns die (altgewohnte) Sprache in unserem Denken und Handeln formt. Eine neue Sprache aber erwächst nicht aus neuen Duden-Regeln, sondern aus einer neuen Einstellung zu den Sachfragen. Das Geschäftsmodell „(K)Alter weißer Mann“, das ja zugleich ein Menschenbild ist, muss sich ändern!

Die jungen Leute aus dem Vorstand haben das erkannt und vertreten ihre Position leidenschaftlich, aber, wie es scheint, zunächst rein spiegelbildlich (Elise Griepe): Setzen wir an die Stelle des Mannes eine Frau, wird alles gut. So einfach ist es nicht. Es zeigt sich, dass keiner (keine) frei von Eitelkeiten ist und seine (ihre) eigenen Machtspielchen trotz lautem Bekenntnis zu demokratischen Strukturen praktiziert.

Wer wie ich nicht mit Social Media vertraut ist, konnte sich leicht von den jungen Leuten irritieren lassen, die in der Trauerhalle ständig mit ihren Smartphones beschäftigt sind. Es zeigt sich aber, dass sie (!) vor allem im Interesse der Firma handeln. Ein Unternehmen von Weltruf muss ständig im Netz präsent sein, und da rächt sich der kleinste Fehler – wie z. B. die online sichtbare Kranzschleife mit ihrem einseitigen Text. „Man muss dem Volk aufs Maul schauen“, hatte Martin Luther gefordert. Die modernen Medien bringen es mit sich, dass uns selbst ständig aufs Maul geschaut wird und dass man bei jedem Fehler Gefahr läuft, aufs Maul geschlagen zu werden. Das schädigt das Image und den Unternehmenserfolg.

Horst Bohne, der Möchtegern-Nachfolger des Firmengründers, bemüht sich in immer neuen Anläufen um Verständnis. Er tut dies mit Ausdauer und nicht ohne Charme, tritt aber immer wieder in neues Fettnäpfchen. Es ist eben nicht mehr alles wie früher, auch wenn er es gern so hätte. So werden immer neue Konflikte aufgerissen. Schließlich rollen Tränen, und Akteure gehen beleidigt von der Bühne, aber am Ende kommt es doch zur Versöhnung, wozu der Pfarrer (der arme Mann war vor lauter Diskussion mit seiner Predigt über Christi Kreuzweg gar nicht zu Wort gekommen) nur noch seinen Segen geben kann. Mit dem Abgesang „Sing low, sweet chariot“ sangen sich Carola-Kristina Lane und Tanja Dappen in die Herzen der Zuschauer*innen.

Im zweiten Teil wirkte das Stück auf mich etwas langatmig. Hätte nicht ein Mitarbeiter des Bestattungsinstituts (Christof Brumm) den Kranz für die folgende Trauerfeier gebracht (natürlich mit einem gleichen Gender-Fauxpas im Schleifentext), wir säßen wohl immer noch vor dem Bild des alten weißen Mannes.

Mein Eindruck war, dass die „Schattenlichter“ diesmal als Ensemble sehr homogen aufgetreten sind – eine Teamleistung höchsten Formats. Dazu meinen persönlichen Glückwunsch. Weiter so!

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Autor: Elke Brumm

Elke Brumm ist das dienstälteste Schattenlicht. Bei der allerersten Aufführung im Weihnachtsgottesdienst 1985 in der Pauluskirche war sie noch Zuschauerin, aber schon beim zweiten Stück war sie aktiv dabei - und ist es bis heute geblieben. Neben den spielerischen Aktivitäten ist Elke Brumm das organisatorische Rückgrat der Schattenlichter; die studierte Theaterwissenschaftlerin und Germanistin (FU Berlin) macht für die Schattenlichter auch die Pressearbeit und die Programmhefte. Seit 2015 schreibt sie ungefähr einmal monatlich einen Theater-Tipp für den Freundeskreis der Schattenlichter, denn da die Schattenlichter immer nur im Februar spielen, muss man schließlich auch im restlichen Jahr wissen, wo man kurzweilige und inspirierende Theaterabende verbringen kann.