Alles dreht sich

Alles dreht sich

Die Schattenlichter finden es immer spannend zu sehen, wie ein anderes Genre für die Bühne adaptiert wird. Heute gab es im Renaissance-Theater die Gelegenheit, zu sehen, wie sich der Kinofilm „Nebenan“ auf einer Bühne macht. Zwei Schattenlichter waren dabei!

Der Film kam 2021 in die Kinos. Ich erinnere mich noch, wie ich ihn mit Maske und mit einem Sitzplatz Abstand zu den nächsten Kinobesuchern ansehen musste. Das änderte aber nichts daran, dass mich der Inhalt und die Schauspieler begeisterten – allen voran Daniel Brühl und Peter Kurth in den Hauptrollen.

Die Idee zur Handlung des Films hatte Daniel Brühl, das Drehbuch schrieb Daniel Kehlmann. Ebendieser schrieb nun auch das Theaterstück, das derzeit in mindestens einem halben Dutzend deutschen Theatern zu sehen ist.

Es geht um einen bekannter Filmschauspieler – im Film Daniel Brühl, im Renaissance-Theater Oliver Mommsen. Beruflich und privat äußerst erfolgreich, trifft er kurz vor einem wichtigen Casting in London unten in der Eckkneipe in dem Haus, in dem er ein Loft besitzt, auf einen ihm unbekannten Nachbarn – im Film Peter Kurth, auf der Bühne Stephan Grossmann. Erst wirkt der Nachbar nur wie ein etwas nerviger frustrierter Wendeverlierer und wie ein selbstmitleidiges Gentrifizierungsopfer; sein Vater wurde aus genau der Wohnung gedrängt, die dann zum Loft des Schauspielers ausgebaut wurde.

Doch dann beginnt der Nachbar, zahlreiche Filme des Schauspielers zu kritisieren, und überrascht durch große Detailkenntnis. Aber auch das ist aber nur die Vorstufe zu dem, was dann passiert: Der Nachbar enthüllt immer mehr Details aus dem Privatleben des Schauspielers. Das ist zum einen recht gruselig – woher weiß er das alles? –, zum anderen sind viele dieser Informationen für den Schauspieler neu – beispielsweise, was seine Familie so tut, wenn er beruflich auf Reisen ist.

Schließlich entpuppt sich der Nachbar als Mitarbeiter eines Kreditkartenunternehmens, der sich aus den Kontobewegungen seiner Kunden ein exaktes Bild von deren Leben machen kann und – offenbar mit Stasi-Vergangenheit und entsprechender Berufserfahrung – dies mit großer Akribie verfolgt. Immer wenn der Schauspieler zum Taxi will, bekommt er ein neues Detail serviert, bis er schließlich seinen Flug zum Casting verpasst und auch noch alles mögliche Andere den Bach runtergeht. Mehr soll hier nicht verraten werden.

Mommsen und Grossmann geben ein ebenso ungleiches Duo ab wie Brühl und Kurth. Es macht Spaß, dabei zuzusehen, wie der eitle Schauspieler langsam von seinem hohen Ross heruntergeholt wird. Zugleich sind die Methoden, mit denen dies geschieht, keinesfalls positiv zu bewerten.

Da der Kinofilm bereits wie ein Kammerspiel war und zumindest in unserer Erinnerung hauptsächlich in einer Eckkneipe spielte, war zu erwarten, dass auch im Renaissance-Theater nur ein einziges Bühnenbild benötigt werden würde. Dem war auch so: Ein Tresen, ein paar Hocker, zwei Tischchen, eine Musikbox und eine Dartscheibe – und fertig ist die Kneipe! Überraschend: Die Kneipe stand auf einer Drehbühne, und nach jeder Szene drehte sich das Bühnenbild um ein paar Grad weiter. Hatte der Tresen anfangs von rechts in die Bühne geragt, war er bald frontal zu sehen und wanderte schließlich nach links. Das verschaffte den Zuschauenden unterschiedliche Einblicke in die Kulisse und war spannender als ein statisches Bühnenbild. Man könnte interpretieren, dass sich dadurch der Blickwinkel des Publikums auf die Handelnden verändert – oder dass nichts im Leben einen wirklichen Halt bietet!

Ebenso wichtig, um das Stück nicht zu statisch sein zu lassen, waren die markige Kneipenbesitzerin hinter dem Tresen sowie ein aggressiver Alki, der zu überraschenden Zeitpunkten die Handlung kommentiert oder sich anderweitig den Frust von der Seele schreit.

Ein sehr kurzweiliger Theaterabend, der sich lohnt! Gleich morgen und übermorgen, am 29. und 30. November, ist das Stück wieder zu sehen: Karten unter www.renaissance-theater.de

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Das „Extrawurst“-Autorenteam hat wieder zugeschlagen

Das „Extrawurst“-Autorenteam hat wieder zugeschlagen

Mit viel Spaß hatten die Schattenlichter im Februar 2023 die Komödie „Extrawurst“ aufgeführt. Dementsprechend war die Begeisterung der Theatergruppe groß, als sie hörte, dass das „Extrawurst“-Autorenteam – Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob – ein neues Stück geschrieben hat. Fünf Schattenlichter sahen es sich heute im Renaissance-Theater an, wo schon auch „Extrawurst“ zu sehen gewesen war.

„Kalter weißer Mann“ heißt das neue Stück, und es spielt in einer Friedhofskapelle. Gernot Steinfels, Patriarch einer Firma des alten deutschen Mittelstands, ist verstorben, und sein designierter Nachfolger richtet für das Unternehmen die Beisetzung aus. Doch sein Text auf der Schleife sorgt für heftige Irritation: „In tiefer Trauer – Deine Mitarbeiter“.

Schnell hat der neue „alte weiße Mann“ an der Spitze seine Marketing-Leiterin, den Social-Media-Chef, seine Sekretärin und die selbstbewusste Praktikantin gegen sich.

Vor dem Theaterpublikum als versammelter Trauergemeinde zerfleischt sich die Führungsetage der Firma immer mehr. Nicht einmal der verzweifelte Pfarrer kann die Wogen glätten.

Mit scharfem Blick wird in der Komödie die Frage gestellt, welche Ausdrucks- und Verhaltensweisen politisch korrekt sind, und es zeigt sich, dass nicht jeder Mensch, der Moral von anderen einfordert, diese Maßstäbe auch für sein eigenes Handeln ansetzt.

Das Ganze ist perfekt geschrieben, kurzweilig inszeniert, toll gespielt und in einem schmucken Bühnenbild dargestellt.

Da stellt sich den Schattenlichtern nur eine Frage: Können wir dieses Stück im Februar 2026 selbst aufführen?

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So richtig in Weihnachtsstimmung kommen

So richtig in Weihnachtsstimmung kommen

Heute brachten sich die Schattenlichter im Renaissance-Theater so richtig in Weihnachtsstimmung: In der Komödie „Die Weihnachtsfeier – In der Filiale brennt noch Licht“ geht es um eine Weihnachtsfeier im Kollegenkreis – ein dankbares Szenario, zu dem jedem von uns sicherlich einiges einfallen würde!

Das Stück würde auch auf die Schattenlichter-Bühne passen, denn es gibt
– ein einziges Bühnenbild,
– ein überschaubares Ensemble von sechs oder sieben Schauspielerinnen und Schauspielern,
– zwei Stunden Gesamtlänge,
– eine witzige Grundidee,
– eine kurzweilige Ausführung,
– kontroverse Diskussionen
– und am Ende natürlich einen saftigen Eklat.

Die altgedienten Bankbeschäftigten Frau Müller, Frau Gerber, Frau Schneider, Herr Kaufmann und Herr Maier sowie der Azubi Adrian kommen am letzten Arbeitstag vor den Weihnachtsfeiertagen im Pausenraum ihrer Bankfiliale zum Feiern inklusive Käseigel, Bowle und Karaokeanlage zusammen.

Schon bald treten die ersten Sticheleien zutage, man erkennt, wer mit wem auch privat – oder zumindest heimlich im Tresorraum – etwas zu tun hat, und der Niedergang der Filialkultur wird thematisiert. Je nach Stimmungsschwankungen und Alkoholpegel nehmen die Feiernden das vermutlich bald bevorstehende Ende ihrer Filiale mal gelassen, mal pathetisch, mal fatalistisch hin – und mal auch mit geheimen Lösungsstrategien.

Wer mehr wissen will, muss es sich ansehen – und anhören, denn die Karaokeanlage kommt häufig zum Einsatz, von „Last Christmas“ bis „All I want for Christmas is you“.

Das Stück läuft von morgen bis zum 22. Dezember 2023 noch täglich (außer Montag), und es sind für alle Tage noch einige Karten zu haben. Auch auf den billigen Plätzen in den letzten Reihen (17 Euro) kann man alles gut sehen und hören.

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