Alles dreht sich

Alles dreht sich

Die Schattenlichter finden es immer spannend zu sehen, wie ein anderes Genre für die Bühne adaptiert wird. Heute gab es im Renaissance-Theater die Gelegenheit, zu sehen, wie sich der Kinofilm „Nebenan“ auf einer Bühne macht. Zwei Schattenlichter waren dabei!

Der Film kam 2021 in die Kinos. Ich erinnere mich noch, wie ich ihn mit Maske und mit einem Sitzplatz Abstand zu den nächsten Kinobesuchern ansehen musste. Das änderte aber nichts daran, dass mich der Inhalt und die Schauspieler begeisterten – allen voran Daniel Brühl und Peter Kurth in den Hauptrollen.

Die Idee zur Handlung des Films hatte Daniel Brühl, das Drehbuch schrieb Daniel Kehlmann. Ebendieser schrieb nun auch das Theaterstück, das derzeit in mindestens einem halben Dutzend deutschen Theatern zu sehen ist.

Es geht um einen bekannter Filmschauspieler – im Film Daniel Brühl, im Renaissance-Theater Oliver Mommsen. Beruflich und privat äußerst erfolgreich, trifft er kurz vor einem wichtigen Casting in London unten in der Eckkneipe in dem Haus, in dem er ein Loft besitzt, auf einen ihm unbekannten Nachbarn – im Film Peter Kurth, auf der Bühne Stephan Grossmann. Erst wirkt der Nachbar nur wie ein etwas nerviger frustrierter Wendeverlierer und wie ein selbstmitleidiges Gentrifizierungsopfer; sein Vater wurde aus genau der Wohnung gedrängt, die dann zum Loft des Schauspielers ausgebaut wurde.

Doch dann beginnt der Nachbar, zahlreiche Filme des Schauspielers zu kritisieren, und überrascht durch große Detailkenntnis. Aber auch das ist aber nur die Vorstufe zu dem, was dann passiert: Der Nachbar enthüllt immer mehr Details aus dem Privatleben des Schauspielers. Das ist zum einen recht gruselig – woher weiß er das alles? –, zum anderen sind viele dieser Informationen für den Schauspieler neu – beispielsweise, was seine Familie so tut, wenn er beruflich auf Reisen ist.

Schließlich entpuppt sich der Nachbar als Mitarbeiter eines Kreditkartenunternehmens, der sich aus den Kontobewegungen seiner Kunden ein exaktes Bild von deren Leben machen kann und – offenbar mit Stasi-Vergangenheit und entsprechender Berufserfahrung – dies mit großer Akribie verfolgt. Immer wenn der Schauspieler zum Taxi will, bekommt er ein neues Detail serviert, bis er schließlich seinen Flug zum Casting verpasst und auch noch alles mögliche Andere den Bach runtergeht. Mehr soll hier nicht verraten werden.

Mommsen und Grossmann geben ein ebenso ungleiches Duo ab wie Brühl und Kurth. Es macht Spaß, dabei zuzusehen, wie der eitle Schauspieler langsam von seinem hohen Ross heruntergeholt wird. Zugleich sind die Methoden, mit denen dies geschieht, keinesfalls positiv zu bewerten.

Da der Kinofilm bereits wie ein Kammerspiel war und zumindest in unserer Erinnerung hauptsächlich in einer Eckkneipe spielte, war zu erwarten, dass auch im Renaissance-Theater nur ein einziges Bühnenbild benötigt werden würde. Dem war auch so: Ein Tresen, ein paar Hocker, zwei Tischchen, eine Musikbox und eine Dartscheibe – und fertig ist die Kneipe! Überraschend: Die Kneipe stand auf einer Drehbühne, und nach jeder Szene drehte sich das Bühnenbild um ein paar Grad weiter. Hatte der Tresen anfangs von rechts in die Bühne geragt, war er bald frontal zu sehen und wanderte schließlich nach links. Das verschaffte den Zuschauenden unterschiedliche Einblicke in die Kulisse und war spannender als ein statisches Bühnenbild. Man könnte interpretieren, dass sich dadurch der Blickwinkel des Publikums auf die Handelnden verändert – oder dass nichts im Leben einen wirklichen Halt bietet!

Ebenso wichtig, um das Stück nicht zu statisch sein zu lassen, waren die markige Kneipenbesitzerin hinter dem Tresen sowie ein aggressiver Alki, der zu überraschenden Zeitpunkten die Handlung kommentiert oder sich anderweitig den Frust von der Seele schreit.

Ein sehr kurzweiliger Theaterabend, der sich lohnt! Gleich morgen und übermorgen, am 29. und 30. November, ist das Stück wieder zu sehen: Karten unter www.renaissance-theater.de

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Ein Loblied auf Lutz Hübner und Sarah Nemitz

Ein Loblied auf Lutz Hübner und Sarah Nemitz

Das Autorenduo Lutz Hübner und Sarah Nemitz steht bei den Schattenlichtern hoch im Kurs: 2016 spielten wir ihr Stück „Frau Müller muss weg“, 2019 „Richtfest“, und fast hätten wir auch noch „Willkommen“ gespielt, aber da kam Corona dazwischen.

Da verwundert es sicherlich nicht, dass die Schattenlichter jedes neue Stück von Hübner/Nemitz mit großem Interesse registrieren. So besuchten gestern gleich ein Dutzend Schattenlichter das Kleine Theater am Südwestkorso, um das neuste Hübner/Nemitz-Stück zu sehen: „Was war und was wird“.

Das Erste, worauf wir beim Theaterbesuch schauen, ist: „Wäre dieses Stück auch für uns geeignet?“ In diesem Fall ist das klar zu verneinen, denn es handelt sich um ein Zwei-Personen-Stück.

Das Zweite ist das Thema, und es ist wie immer bei Hübner/Nemitz topaktuell. Wenn man einige ihrer Stücke gesehen hat, merkt man, wie sie gemeinsam mit uns älter werden: Waren vor einigen Jahren Themen wie Schule und Erziehung zentral, ging man dann zu Wohnen und Migration über, und das aktuelle Stück befasst sich mit Eltern, die nicht mehr von ihren erwachsenen Kindern um Rat gefragt werden und die sich damit abfinden müssen, dass sich ihre Kinder langsam mehr Sorgen um die Eltern machen als andersherum.

Punkt drei ist der Blick auf die Darstellerinnen und Darsteller: Jacqueline Macaulay und Markus Gertken überzeugen als Paar, das sich im Theater streitet, gemeinsam in Rückblicken schwelgt oder mit Problemen der Zukunft umzugehen versucht. Besonders interessant für die Schattenlichter war, dass sie Markus Gertken unlängst im Renaissance-Theater als Hauptrolle in „Alter weißer Mann“ bewundert hatten – dem Stück, das die Schattenlichter gerade selbst proben und im Februar 2026 aufführen werden. Es war, als hätte man den Charakter in „Alter weißer Mann“ als Firmenchef kennengelernt und nun auch im Privatleben!

Nicht zuletzt gilt das Schattenlichter-Augenmerk immer auch dem Bühnenbild und den Requisiten. Im Kleinen Theater ist es immer erfreulich anzusehen, wie auch auf kleinem Raum phantasievoll verschiedene Welten entstehen können. Da reichen eine Bank, ein paar Liegestühle, eine Bar, eine Leinwand für wechselnde Fotos und die Einbeziehung des Theaterraums.

Hinzu kommen ein nettes Ambiente, eine gute Pausenverpflegung und die Gelegenheit, den Schauspielerinnen und Schauspieler noch zu ihrer Leistung gratulieren zu können, wenn sie sich auf den Heimweg machen.

Für uns ist ein Theaterabend so perfekt!

Also: Hingehen – und vorher gegenüber in Achilles‘ Taverne einen knackigen griechischen Salat essen!

Das Stück wird wieder vom 6. bis zum 9. November gezeigt.

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Alles leuchtet, alles bewegt sich

Alles leuchtet, alles bewegt sich

Zwei Schattenlichter starteten in die neue Spielzeit mit einem Besuch im Wintergarten Varieté. Bis zum 15. Februar ist dort die Show FLYING LIGHTS zu sehen.

Wie der Titel erwarten lässt, dreht sich alles ums Thema Licht. Eine kleine Rahmenhandlung verbindet die einzelnen Showeinlagen miteinander: Streetstyle, Breakdance und Varietéeinlagen.

Unterschiedlichste Lichter begleiten die einzelnen Acts: von lodernden Fackeln bis zu neuester LED-Technik. Dazu gibt es neben viel eingespielter Musik immer wieder auch live gespielte Celloklänge und ein Schlagzeug, das mitten in einem leuchtenden Jonglageakt mit den einzelnen Keulen bespielt wird. Sehr cool!

Wirklich atemberaubend – gerade von unserem Platz in Reihe 1 aus – war die Artistik, die geschickt auf das Programm verteilt war: Neben der LED-Keulen-Jonglage gab es zwei Artisten, die mit beachtlicher Präzision Paarübungen vorführten: Dabei machte der eine eine Kerze, der andere sprang auf dessen Füße und vollführte in gefährlicher Höhe Spagate, Schrauben, Salti und vieles mehr, wofür uns vom einfachen Sprechtheater die Fachbegriffe fehlen. Zwei andere Artisten performten an Ringen und Trapez – ebenfalls atemberaubend! Und eine Artistin konnte sich in alle Richtungen verbiegen und dabei ein halbes Dutzend leuchtende Reifen in Bewegung halten.

Zum Verschnaufen gab es zwischendurch Lustiges wie einen humorvoll-heiteren Act mit Seifenblasen, der ebenfalls mit viel Beifall quittiert wurde.

Am Ende wurde auch noch eine Metallgitterkugel mit 3,80 Metern Durchmesser enthüllt, in der ein Motorradfahrer seine Runden drehte. Als wäre das nicht genug, kam dann noch ein zweiter und schließlich noch ein dritter hinzu. Krass! Laut Wintergarten-Webseite übrigens „die kleinste Motoradkugel der Welt“. Es gibt immer wieder bizarre neue Superlative!

Alles in allem eine sehr kurzweilige Zusammenstellung, die alle eines Besseren belehrt, die denken, schon alles gesehen zu haben.

www.wintergarten-berlin.de

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Schwimm langsam – Jetzt erst recht

Schwimm langsam – Jetzt erst recht

Als eins der ersten Theater ist das „Prime Time Theater“ im Wedding aus der Sommerpause zurückgekommen. Zum Auftakt steht noch keine neue Folge von „Gutes Wedding, Schlechtes Wedding“ auf dem Programm, sondern eine Sommerkomödie: „Schwimm langsam – Jetzt erst recht!“

Worum geht’s? Glühende Dachgeschosswohnungen, schmelzender Asphalt, klebende Oberarme in der S-Bahn: Endlich wieder Sommer in Berlin! Strandbadbesitzer und Nichtschwimmer Kalle Witzkowski erwartet einen Ansturm auf das Strandbad Plötzensee. Das Weddinger Urgestein mit sympathischem Sprachfehler sorgt mit seiner „Plötzwatch“ für Recht und Ordnung am Ufer. Auch Kalles Sohn, der etwas einfach gestrickte Mädchenschwarm Ricky, sowie die schöne Influencerin Lissi und der genderfluide Bücherwurm Moni können es kaum erwarten, den Hitzesommer am See zu verbringen.

Doch mit großem Entsetzen stellen alle eines Morgens fest: Das Wasser ist weg! Der Plötzensee liegt trocken. Wie ist das geschehen? Hat der Klimawandel endgültig den Wedding erreicht? Was hat es mit der geheimnisvollen Sage vom Plötzensee auf sich? Und was hat Elon Musk mit alldem zu tun?

Das Strandbad entwickelt sich zum Hotspot. Während die heißblütige Sensationsjournalistin Fabrizia die Story ihres Lebens wittert, begeben sich Ricky, Lissi und Moni in ein Abenteuer, um das Wasser zurückzubringen und den Sommer zu retten.

Vier Schattenlichter hatten gestern einen sehr heiteren Sommerabend im Wedding. Ein paar freie Plätze gibt es in den nächsten Tagen noch: Der Plötzenkrimi ist noch bis zum 30. August zu sehen.

Kleiner Tipp: Am 28. August sind die Karten besonders günstig!

Also – wie der Weddinger sagt: Tickets koofen!

https://www.primetimetheater.de/schwimm-langsam-jetzt-erst-recht

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Ewige Jugend

Ewige Jugend

Nur noch morgen und übermorgen ist ein Theaterstück zu sehen, dass zwei Schattenlichter heute Abend im Renaissance-Theater sahen.

Re-Naissance passt schon mal ganz gut zum Thema des Stückes: Es geht um ein Wundermittel, das eine Wissenschaftlerin erfunden hat, um die Alterung von Frauen aufzuhalten und ihnen ewige Jugend und dauerhafte Fortpflanzungsmöglichkeiten zu bescheren.

Das Stück mit dem Titel „Division“ – auch als „Die Vision“ lesbar – schrieben die Schauspielerin Katja Riemann und ihre Tochter, die Tänzerin und Choreografin Paula Romy.

Dabei ist Katja Riemann 90 Minuten lang sprechend, tanzend und singend auf der Bühne zu erleben, Paula Romy ist in einigen Videosequenzen zu sehen. Es geht dabei nicht nur um den Umgang der Frauen mit ihrem alternden Korper, sondern auch um biologische Gleichberechtigung. Hinzu kommen viele Themen und Probleme, die damit verknüpft sind.

Riemann transportiert in ihrer Rolle als Wissenschaftlerin und Erfinderin des Wundermittels viele Fakten, aufgelockert durch teils sehr kurzweilige Videoeinspielungen und Telefonate mit dem Bruder der Bühnenfigur, der einen Gegenpol zu der Wissenschaftlerin darstellt. Die Tagesschau berichtet in Wort und Bild über Männer, die verbotenerweise das nur für Frauen bestimmte Mittel einnahmen und kurz darauf explodierten. Kinder berichten als Zeugen und spielen mit Blutflecken beschmiert auf der Straße. Gegnerinnen des Wundermittels demonstrieren vor der Haustür der Naturwissenschaftlerin.

Trotz dieser Auflockerungen bleibt das Stück aber textlastig; die geballten Fakten ermüden das Publikum allmählich. Dennoch bekommt Riemann tosenden Beifall. Auch in den Pausengesprächen entsteht der Eindruck, dass viele der Zuschaueinnen und Zuschauer nicht wegen des Themas ins Theater gekommen sind, sondern weil sie Katja Riemann aus Kinofilmen kennen und gerne mal auf der Bühne erleben wollten. Und was sie da leistet, ist wirklich beeindruckend.

Amüsiert hat die Schattenlichter auch, dass Riemanns einzige Interaktion mit dem Publikum ausgerechnet mit einem Schattenlicht zusammenhing: Während einer Kunstpause in einem theorielastigen Beitrag muss das Schattenlicht recht laut niesen. Riemann wünscht „Gesundheit“, wartet das Dankeschön ab, lässt einen Moment Pause, um sich und dem Publikum Zeit zum Konzentrieren zu geben, und fährt mit ihrem Vortrag fort.

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Karriere oder Moral?

Karriere oder Moral

Oft gehen die Schattenlichter mit dem Hintergedanken ins Theater, ob das dort gezeigte Stück wohl auch für eine Aufführung der Schattenlichter geeignet wäre. Heute Abend im Deutschen Theater war es anders, denn das Stück „Das Dinner“ ist nur für vier Charakterrollen angelegt. Da kann man nur hoffen, dass die Schattenlichter nicht so stark schrumpfen, dass sie auf solche Stücke zurückgreifen müssen!

Ein spannender Theaterabend war es allemal: Es ging um die Frage, wie weit man gehen würde, um den eigenen Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Wie viel vom Fehlverhalten der Kinder vertuscht man, weil das ihren Start und auch den eigenen Karriereweg behindern könnte?

Konkret: Die Brüder Serge und Paul – gespielt von Bernd Moss und Ulrich Matthes – sind in ein Gewaltverbrechen verwickelt. Beim gemeinsamen Essen in einem feinen Restaurant diskutieren die Väter gemeinsam mit ihren Ehefrauen – Maren Eggert und Wiebke Mollenhauer -, wie sie mit dem Problem umgehen sollen. Dabei bewerten alle am Tisch die Situation anders. War es kindliche Naivität, jugendliches Austesten von Grenzen oder ein kaltes Verbrechen, was ihre Söhne da begangen haben? Müssen die Eltern ihre Kinder anzeigen, damit sie zur Verantwortung gezogen werden können? Oder sollte man das Ganze lieber vertuschen, um den Söhnen nicht die Zukunft zu ruinieren? Schließlich war es doch „nur eine verwahrloste Obdachlose“, die zu Tode kam und die wirklich niemand vermissen wird … Und haben nicht auch die Erwachsenen etwas zu verlieren, beispielsweise Serge, der in Kürze Premierminister werden möchte?

Das Stück basiert auf dem Thriller „Angerichtet“ des niederländischen Autors Herman Koch. Die Bühnenfassung inszenierte András Dömötör, der seit 2016 als Regisseur am Deutschen Theater arbeitet.

Die Schattenlichter empfehlen, die Stückeinführung zu besuchen, die 30 Minuten vor der Vorführung angeboten wird.

Während auf der Hauptbühne die Streitgespräche geführt werden, lohnt sich immer auch ein Blick auf die fleißigen Mitarbeiter des Nobelrestaurants, die durch eine Glasscheibe im Hintergrund zu sehen sind. Wie konsequent und intensiv sie zwei Stunden lang in ihren Rollen bleiben, ist bemerkenswert. Sehr amüsant ist auch, wie die ernsten Gespräche der vier Eltern durch das Präsentieren der edlen Köstlichkeiten unterbrochen werden und wie den Bediensteten mehr als einmal das Gespür dafür fehlt, wann die Gäste gerne etwas mehr Privatsphäre hätten.

Sehr originell ist auch die häufig als Projektionsfläche genutzte Trennwand zur Küche, auf der live erzeugte Filme des Tatgeschehens zu sehen sind – teilweise recht albern, aber eine gute Auflockerung der naturgemäß eher ernsten Thematik.

„Das Dinner“ wird wieder am 6. Juni sowie am 10., 17., 18. und 20. Juli serviert.

www.deutschestheater.de

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Das genialste Bühnenbild, das die Welt je gesehen hat!

Das genialste Bühnenbild, das die Welt je gesehen hat!

Am 15. August verfassten vier Schattenlichter einen Theater-Tipp zu einer Inszenierung des Stücks „1984“ – nach dem bekannten Roman von George Orwell – , die damals mitten im Hochsommer auf der Freilichtbühne des Globe Theaters in der Sömmeringstraße 15 in Berlin-Charlottenburg gezeigt wurde. Eigentlich hatten die vier Schattenlichter das Stück im Berliner Ensemble sehen wollen, aber die Termine passten nicht. Der sommerliche Theater-Tipp endet mit dem Satz: „Man darf gespannt sein, ob das Berliner Ensemble eine ähnliche Form der Umsetzung wählt oder ganz andere Wege beschreitet.“

Mehr als ein halbes Jahr später war es nun an einem eisigen Abend soweit: In derselben Konstellation machten sich die Schattenlichter auf ins ausverkaufte Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm in Berlin-Mitte. Es lohnte sich, denn die Inszenierung war keine Wiederholung der Darstellung im Globe – ebenfalls sehenswert, aber ganz anders.

Nochmal zum Auffrischen: Orwell verfasste den Roman „1984“ bereits in den Jahren 1946 bis 1948. Der britische Autor stand unter dem Eindruck eines soeben zu Ende gegangenen Weltkrieges; er schrieb eine düstere Zukunftsaussicht für das damals fern erscheinende Jahr 1984. Orwell schildert einen totalitären Überwachungsstaat aus Sicht des Erzählers Winston Smith, der ein einfaches Mitglied einer diktatorisch herrschenden, fiktiven Staatspartei ist. Der allgegenwärtigen Überwachung zum Trotz versucht Smith, seine Privatsphäre zu bewahren und etwas über die real geschehene Vergangenheit zu erfahren, die von der Partei durch umfangreiche Geschichtsfälschung verheimlicht wird. Dadurch gerät er mit dem System in Konflikt, das ihn gefangen nimmt, foltert und einer Gehirnwäsche unterzieht.

Zurück zum Berliner Ensemble: Dies ist der erste Theater-Tipp, der mit einer Bühnenbildbeschreibung anfängt. Denn das Bühnenbild war genial! Es bestand aus einer hohen Spiegelwand, die wie ein liegendes spitzes V konstruiert war, wobei sich das Publikum an der offenen Seite des Vs befindet. Das heißt, wer immer sich innerhalb des Vs aufhält, wird mehrfach gespiegelt. Das lässt viel Raum für Interpretationen: ob Spiegel der Seele, Überwachung, Zersplitterung oder einfach nur ein schicker optischer Effekt.

Zur Spiegelung passte der zweite Geniestreich der Inszenierung, nämlich dass Winston Smith nicht nur von einem Schauspieler, sondern von vier etwa gleich gekleideten Schauspielern gleichzeitig gespielt wurde. Dadurch wird sein Monolog zu einem inneren Monolog, der zeigt, wie zerrissen der Charakter ist und welche Diskussionen er in seinem Inneren mit sich selbst austrägt. Eine raffinierte Lösung auch, um den ellenlangen Romantext weniger monoton vortragen zu können.

Als die zweite Person der Handlung auftritt, – die Frau, in die sich Winston verliebt, – ist auch sie vierfach zu sehen. Aber nur eine der vier Schauspielerinnen spielt die Geliebte, die anderen drei dienen als stimmgewaltiger Chor, der mal ein positive Atmosphäre schafft, mal den Untergang dramatisch untermalt.

Das Spiegel-V befindet sich auf einer Drehbühne. Von der Rückseite besehen, eröffnen sich zwei weitere Bühnenbilder in der Stützkonstruktion der Spiegelwand. Diese Stützen diesen den Schauspielern als Gerüst zum Klettern, als Gebäudekulisse, als Zimmer der Liebe, als fensterlose Verhörzelle … Gespielt wird mal im sich bewegenden Bühnenbild, mal vor statischem Hintergrund. Toll!

Über die zweite Stückhälfte waren die Schattenlichter geteilter Meinung: Die älteren waren total genervt, weil das gesamte Verhör eintönig wirkte und für die Zuschauenden fast ebensowenig auszuhalten war wie für den Gefolterten. Da wurden dieselben Stilmittel gefühlt eine halbe Stunde lang beibehalten: monotones Sprechen aller vier Schauspieler gleichzeitig mit Verstärkung durch ein hallendes Mikrofon, außerdem nach jedem Satz ein ekelhaftes Schniefen eines der Schauspieler; das Ganze immer in derselben Zelle. Die jüngeren Schattenlichter hatten mehr Bereitschaft zum Leiden und fanden die Umsetzung gut, denn das Verhör und die Gehirnwäsche sollten in ihren Augen nicht beschönigt werden, da es da nichts zu beschönigen gibt.

„1984“ ist wieder am 27. und 28. März sowie am 14. und 15. April zu sehen. Was den Schattenlichtern sehr gefallen hat: Auch wenn die Berufstätigen für Plätze in Reihe 9 knapp 50 Euro berappen mussten, kosteten die Studi-Tickets nur 9 Euro. Für die Pause ist dringend eine Vorbestellung von Getränken geraten, denn die Schlange am Bartresen war noch nicht abgearbeitet, als die Pause zu Ende ging. Das können die Schattenlichter besser!

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Warten auf’n Bus

Warten auf’n Bus

Dass es erfolgreiche Kinofilme auf die Bühne schaffen oder dass beliebte Bücher verfilmt und für die Bühne aufbereitet werden, ist gängige Praxis. In der Vagantenbühne gibt es aber gerade etwas Besonderes: eine Fernsehserie mit 15 Folgen, die nun – auf 90 Minuten gekürzt – auf der Bühne des Theaters in der Kantstraße gezeigt wird.

Das Ergebnis ist ausgesprochen gelungen, wie die Schattenlichter gestern Abend feststellen konnten. Aber zuerst zum Inhalt: „Warten auf’n Bus“ – so heißen die Serie und auch das Theaterstück – wurde in zwei Staffeln in den Jahren 2020 und 2021 im ZDF ausgestrahlt. Die Serie wurde ein großer Erfolg, prominent besetzt mit Ronald Zehrfeld, Felix Kramer und Jördis Triebel.

Das Setting der Serie ist sehr geeignet fürs Theater, denn fast die gesamte Handlung spielt sich an einer Bushaltestelle ab. Ein leichtes Spiel für den Bühnenbildner! An dieser Bushaltestelle mitten in der Brandenburgischen Provinz treffen sich jeden Tag die Freunde Hannes und Ralle, die sich bereits seit Kindertagen kennen, gemeinsam im Kohleabbau gearbeitet haben und nun – 30 Jahre nach der Wende – bereits seit 20 frustrierenden Jahren arbeitslos sind. Die Bushaltestelle wird zu ihrer Kneipe, ihrem Wohnzimmer, ihrem Zufluchtsort. Es ist eine Endhaltestelle – auch für ihr Leben?

Die beiden sitzen in der Pampa, quatschen und philosophieren über das Leben, Politik und die Liebe, springen von einem Thema zum anderen, sind mal gut gelaunt, mal deprimiert. Ralle wird stets von seinem Hund Mikey bzw. Hundi begleitet, der wie die beiden Freunde seine besten Jahre bereits hinter sich hat. Ein Höhepunkt des Tages besteht darin, dass Busfahrerin Katrin an der Haltestelle einige Minuten lang ihre Pause verbringt.

Was in 15 Folgen manchmal etwas langatmig sein konnte und die Langeweile der beiden Freunde hin und wieder zu stark nachempfinden ließ, wird in der Vagantenbühne in 90 Minuten dynamisch auf den Punkt gebracht. Zusätzlich zu Hannes, Ralle, Katrin und der Hundeleine gibt es einen weiteren Akteur – einen aus dem Westen, der als Erzähler, Musiker, Geräuschemacher und Kontrapunkt fungiert. Die Szenen, die es aus der Serie auf die Bühne geschafft haben, wurden gut ausgewählt: Da wird es auch politisch und dramatisch, wenn plötzlich Hakenkreuze an die Bushaltestelle geschmiert wurden, Hannes und Ralle Dresche beziehen und sich vor dem Dorfsheriff rechtfertigen müssen. Auch Themen wie Alkoholismus und häusliche Gewalt, Stasi und Verrat werden nicht ausgespart.

Die Schattenlichter empfehlen: Hingehen! Tickets gibt es ab 17,60 Euro; die nächsten Vorstellungen sind heute und morgen.

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Vorher den Film angucken!

Vorher den Film angucken!

Uns sind Musicals eigentlich immer zu teuer – warum 100 Euro für ein Ticket ausgeben, wenn man für 30 Euro ein gutes Theaterstück ansehen kann – aber mit einem 40-Prozent-Rabatt lockte uns „Stage Entertainment“ in „Ku’damm 59 – Das Musical“ im ehemaligen Theater des Westens in der Kantstraße.

„Ku’damm 56, 59 und 63“ heißen drei Fernsehstaffeln, die in den Jahren 2016, 2018 und 2021 im ZDF ausgestrahlt wurden. Darin geht es um die strenge Besitzerin einer Tanzschule am Ku’damm, Caterina Schöllack: Sie muss ihre drei Töchter in den 1950er-Jahren alleine versorgen, da ihr Mann nicht aus dem Krieg zurückgekehrt war. Dabei legt sie vor allem Wert auf den Ruf ihrer Familie. Zwei Töchter beugen sich dem Willen der Mutter und machen eine gute Partie: mit einem ältlichen Krankenhausprofessor und einem aufstrebenden Staatsanwalt. Obwohl beide Töchter in ihren Beziehungen unglücklich sind – der konservative Professor hält seine Frau an der kurzen Leine, und der Staatsanwalt interessiert sich für Männer, – wahren sie den Schein, um den Anforderungen der Gesellschaft zu genügen. Die dritte Tochter, Monika, trotzt den Erziehungs- und Verkupplungsversuchen der Mutter und widmet sich ihrer Leidenschaft, dem Rock’n’Roll. Der Vergleich mit ihren zwei erfolgreichen Schwestern liegt ihr dabei trotzdem schwer im Magen.

In Staffel 2, also dem Teil, der in dem aktuellen Musical umgesetzt wurde, kämpft Monika um ihr uneheliches Kind, das ihr auf Betreiben ihrer Mutter gleich nach der Geburt weggenommen wurde und nun bei ihrer kinderlosen Schwester und dem homosexuellen Staatsanwalt aufwächst. Der Staatsanwalt kämpft mit seinen gesetzlich verbotenen und von der Gesellschaft für pervers gehaltenen Gefühlen. Die unglückliche Professorengattin verlässt ihren Mann, bekommt aber ohne sein Einverständnis keine Arbeit und muss sich schließlich prostituieren, um finanziell über die Runden zu kommen. Und Monika arbeitet an ihrer Karriere als Sängerin und Tänzerin mit ihrem Freund Johnny, der mit seinen Erinnerungen ans Vernichtungslager Auschwitz zu kämpfen hat, wo seine gesamte Familie ermordet wurde. Monikas wahre Liebe, Joachim, heiratet indessen aus Pflichtgefühl eine andere Frau, der er sich wegen ihrer Schwangerschaft verpflichtet fühlt, bis herauskommt, dass das Kind gar nicht von ihm ist. Zudem kämpft er damit, der Rüstungsfabrik seines verstorbenen Vaters eine andere Richtung zu geben.

Kurz: Es gibt jede Menge Probleme, und wir waren im Vorfeld gespannt, welche davon auf Musical-Ebene unter den Tisch fallen würden. Das ist ja wie bei der 90-Minuten-Verfilmung eines 500-seitigen Romans: Da müssen ganze Handlungsstränge gestrichen werden, und der begeisterte Leser empfindet die Verfilmung manchmal als etwas flach.

Tatsächlich hat es das Musical geschafft, sämtliche Probleme in die Handlung aufzunehmen. Wir hatten die Filme zur Auffrischung gerade erst an den Vortagen gesehen und waren von der Umsetzung recht angetan. Es war aber nicht zu übersehen, dass die Menschen im Publikum, die die Filme nicht kannten, Schwierigkeiten hatten, der Handlung zu folgen. Das fing schon damit an, dass es keinerlei Exposition gab, also nicht einmal „Es geht um eine Tanzschulbesitzerin und ihre drei Töchter“. Im durch die vielen Nebenfiguren und Tanzenden undurchsichtigen Musicalstab mitzubekommen, wer wer ist und wer mit wem zusammenhängt, war da für Neulinge kaum möglich.

Zwar wurden alle Probleme angeschnitten, aber oft nur am Rande: Auschwitz auf drei Nebensätze zu reduzieren, wird dem Thema natürlich nicht gerecht, und beim schwulen Staatsanwalt war im Musical das Hauptproblem, dass er damit seine Frau betrog, wo es doch vor allem auch darum geht, dass er in dieser Epoche seine Sexualität nicht ausleben durfte und damit seine Karriere gefährdete.

Nun könnte man argumentieren, dass für all das in den 150 Musicalminuten keine Zeit wäre. Zeit wurde aber reichlich für eine neue Hauptrolle verwendet, die es in den Filmen in dieser Form gar nicht gibt: eine erfolgreiche weibliche Filmproduzentin. Im Film „Ku’damm 59“ ist das ein ältlicher Filmproduzent, den sich Caterina Schöllack als standesgemäßen künftigen Ehemann erhofft, obwohl er ihre Tochter begrabscht hat. Das zeigt gut die Abhängigkeiten dieser zwiespältigen Epoche. Die weibliche Produzentin im Musical strahlte hingegen Selbstbewusstsein, Unabhängigkeit und Modernität aus, was nicht dazu beiträgt, das konservative Rollenverständnis der Schöllack-Frauen zu verstehen.

Alles in allem war der Musicalbesuch dennoch ein vergnüglicher und kurzweiliger Abend, denn WIR kannten die Storyline ja, und außerdem gefielen uns viele Gesangsdarbietungen gut, und auch die Choreografien waren einfallsreich und „was fürs Auge“. Und auch Bühnenbilder und Lichteffekte gucken wir Schattenlichter uns ja immer gerne an.

Karten mit 40 Prozent Rabatt gibt es hier.

Der letzte Vorhang fällt am 23. Februar, übrigens auch dem Tag der Dernière des aktuellen Schattenlichter-Theaterstücks.

Eine gute Nachricht für die Fans der toll ausgestatteten „Ku’damm“-Filme erreichte uns in diesen Tagen über die Agentur Filmgesichter: „Ku’damm 77“ wird gedreht, also die vierte Staffel!

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Bald wird auch im Kino gegrillt!

Bald wird auch im Kino gegrillt!

Selten hatten die Schattenlichter so viel Spaß beim Probem wie vor zwei Jahren bei der Komödie „Extrawurst“.

Daher freut es die Gruppe sehr, dass „Extrawurst“ im Januar 2026 ins Kino kommen wird, wie dem heutigen Tagesspiegel zu entnehmen war (siehe Foto).

Es ist immer amüsant, seine eigene Theaterrolle auf der großen Kinoleinwand zu sehen! Spannend ist auch, welche der im Artikel genannten Schauspieler welche Rollen übernehmen werden. Die Schattenlichter schließen schon Wetten ab!

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